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Zwischen Klappstuhl und Kombi: Garagenkultur im Fokus

Ein Fiat 500 steht im Chemnitzer Garagenkomplex Schützenplatz. Anfang der 1970er Jahre gebaut ist die Anlage eine von zehn Stationen des Garagen-Parcours zum Kulturhauptstadtprojekt «#3000Garagen». / Foto: Sebastian Willnow/dpa
Ein Fiat 500 steht im Chemnitzer Garagenkomplex Schützenplatz. Anfang der 1970er Jahre gebaut ist die Anlage eine von zehn Stationen des Garagen-Parcours zum Kulturhauptstadtprojekt «#3000Garagen». / Foto: Sebastian Willnow/dpa

Rund 30.000 Garagen gibt es in Chemnitz, viele zu DDR-Zeiten gebaut. Im Kulturhauptstadtjahr will die Stadt sonst Ungesehenes sichtbar machen - so auch Garagen als Orte kultureller Identität.

Sie sind von außen eher trist anzuschauen, doch hinter ihren Toren verbirgt sich ein ganz eigener Kosmos: Garagen. Ob Stellplatz für den liebevoll gepflegten Oldtimer oder ramponierten Kleinwagen, ob Lager für Umzugskisten und Trödel oder Rückzugsort für Tüftler und Macher. Auch in der Startup-Welt sind sie legendär, sollen doch etliche erfolgreiche Unternehmen ihre Anfänge in einer Garage genommen haben. Als Kulturhauptstadt Europas 2025 will Chemnitz Verborgenes sichtbar machen und rückt dabei Garagen in den Blick. Bei einem Parcours können Besucher fortan die vielfältige Garagenlandschaft der Stadt erkunden und Kulturangebote kennenlernen. 

Garagen seien vor allem in Mittelosteuropa Teil der kulturellen Identität, erklärt die Kuratorin des Beteiligungsprojekts «#3000Garagen», Agnieszka Kubicka-Dzieduszycka. «Wir betrachten Garagen als Gemeinschaftsort, als lebendige Archive, als kreative Räume, als Lernorte.» Der Garagen-Parcours erzähle individuelle Geschichten von Garagennutzern und Garagenhöfen, verbinde sie aber auch mit der Geschichte der Stadt. 

Garagen als Spiegel der Stadtgeschichte

Viele Garagen wurden zu DDR-Zeiten in Eigenleistung der Nutzer gebaut. So der Garagenhof Schützenplatz, der mit mehr als 1.200 Garagen größter seiner Art in Chemnitz. Entstanden Anfang der 1970er Jahre musste man den Angaben nach 240 Arbeitsstunden leisten, um solch einen Stellplatz für Trabi, Wartburg und Co zu ergattern. Zum Auftakt des Parcours gewähren Garagenfreunde Blicke hinter die sonst verschlossenen Türen. Ein kleines Museum haben sie eingerichtet und grillen für Besucher. Der Parcours sei eine «einladende Geste» an Interessierte und Gäste, betont Kubicka-Dzieduszycka. Denn die Garagen seien eigentlich private Räume. 

Und Chemnitz hat einige Raritäten zu bieten. Die Remise der 1902/03 nach Plänen Henry van de Veldes erbauten Villa Esche zum Beispiel. Sie gilt als die älteste Garage der Stadt. Hier wurde einst das Automobil der Fabrikantenfamilie Esche abgestellt. Der obere Teil diente als Gewächshaus und Wohnung für den Gärtner. Oder der heutige Garagen-Campus, ein früheres Straßenbahndepot dessen Wurzeln bis ins 19. Jahrhundert reichen. 

Auch die historische Hochgarage von 1928 gilt es zu entdecken, gebaut im Stil der Neuen Sachlichkeit. Entstanden als Reaktion auf wachsende Parkprobleme bot das heute denkmalgeschützte Gebäude Mietplätze für rund 300 Autos und Motorräder. Per Lastenaufzug wurden sie zu ihrem Stellplatz gebracht. 

Im Regal das Autokennzeichen von Kati Witt

Einen der Aufzüge hat der Künstler Martin Maleschka in Beschlag genommen. Für seine Installation «Ersatzteillager» hat er Leihgaben von Garagenbesitzern in einem Regal als eine Art Archiv arrangiert: Fahrzeugteile, Werkzeuge, Zeitschriften und das frühere Autokennzeichen von Eiskunstlauf-Olympiasiegerin Katarina Witt. Ein anderes Kunstprojekt rückt Garagenbesitzer selbst in den Fokus. Die fotografische Arbeit «Mitgliederversammlung» von Maria Sturm nimmt auf die regelmäßigen Treffen in Garagenhöfen Bezug. 

Sturm hat die Chemnitzer Garagenbesitzer porträtiert: Mal lässig auf dem Motorrad oder vor dem offenen Garagentor stehend, mit dem Kind an der Hand oder Blumen im Haar, beim Arbeitseinsatz oder tanzend im Garagenhof. 164 Menschen hat sie bei ihren Streifzügen durch die Welt der Chemnitzer Garagen mit einer analogen Mittelformatkamera abgelichtet. Die Bilder sind derzeit in etlichen Schaufenstern in der Stadt zu sehen - beim Juwelier oder Optiker, aber auch in leerstehenden Ladenzeilen. 

Kunstinstallationen und Konzerte

In den kommenden Wochen und Monaten sollen entlang des Parcours weitere kulturelle Angebote folgen. Geplant sind Garagenkonzerte in den Höfen, eine Videoinstallation über Garagen-Interieur, eine humorvolle Performance zur Zukunft des Autos und eine interaktive Installation von Cosima Terrasse zu Kreativität und Gemeinsinn im Garagenhof. Vorbereitet wird auch eine zentrale Ausstellung im neuen Garagen-Campus. 

«#3000Garagen» ist eines der Leuchtturmprojekte von Chemnitz als Kulturhauptstadt Europas 2025. Der am Sonnabend eröffnete Parcours durch die Chemnitzer Garagenlandschaft gehört dazu und umfasst zehn Stationen. Interessierte können sie per Bus, Straßenbahn, zu Fuß oder mit dem Fahrrad erkunden.

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